Predigt von Alex Bauer beim mittendrin-Gottesdienst am 16. März 2014

Gewaltig rauschen die Akkorde der Band. Das Publikum ist hingerissen und singt aus voller Kehle mit. Manche haben verzückt die Augen geschlossen und die Arme gen Himmel erhoben. Die Stimmung brodelt im Saal. Wobei der Begriff "Saal" eine Untertreibung ist für das riesige Gebäude in dem sich die Feiernden getroffen haben. Eine gewaltige, kuppelartige moderne Konstruktion wölbt sich über den tausenden, die es da nicht mehr auf ihren Sitzen hält.

Ein Popkonzert möchte man auf den ersten Blick meinen, wenn man all die ausgeflippten Gestalten sieht, die sich da vollkommen ergeben haben in die Klänge der Musik und in das was der Eine da vorne ihnen mit lauter Stimme zu sagen hat.

Und dieser Eine da vorne am Rednerpult, das ist genau das Element, das NICHT zum Popkonzert passt. Dieser Mann da vorne, das ist offensichtlich nicht der Leadsänger einer Band, dazu ist er zu korrekt gekleidet. Dunkelblauer Anzug, Schlips und weißes Hemd, So steht er an seinem Rednerpult und spricht mal laut mal leise auf seine Zuhöre ein, immer wieder unterbrochen von Liedern oder auch nur Einzelnen Akkorden der Band. Manchmal rufen die Leute unten dem Redner auch etwas zu.

Im Lichtkegel eines Scheinwerfers steht er und spricht ohne Punkt und Komma. Er spricht von dieser Welt, der verdorbenen, der gottlosen, vom Sex vor der Ehe, die dem Herrn ein Gräuel sei, von den Schwulen, die allesamt zur Hölle fahren werden, von den Liberalen, die Gottes eigenes Land dem Kommunismus zum Fraß vorwerfen, von all denen, die den breiten Weg zur Hölle gehen.

Und er verspricht das Paradies, all jenen, die sich bemühen, fromm zu leben, und den schmalen Weg zu nehmen, der gen Himmel führt.

Ja, so schreit er, das himmlische Jerusalem warte auf alle, die diese Welt und ihre Versuchungen hinter sich lassen, die lernen so zu glauben und zu leben, wie er es predigt, denn Jesus selbst habe ihm das gesagt und in der Bibel sei es für jedermann nachzulesen.

Immer wieder rufen sie von unten aus dem Publikum: "Amen" und "Halleluja" hinein in die Predigt, die kein Ende nehmen will.

Kein Popkonzert, sondern ein Gottesdienst, wie er Sonntag für Sonntag nicht nur in Amerika, kann man das sagen, "gefeiert" wird. Oder sollte man sagen: "aufgeführt" wird?

Denn diese Veranstaltungen sind nämlich perfekte Shows, mit großem Aufwand an Zeit und Geld vorbereitet und werden vom Fernsehen in die Wohnstuben derer, die nicht dabei sein können, übertragen.

Es sind aber viele, Abertausende, die dabei sein können und wollen. Die Besucherzahlen dieser sogenannten Gottesdienste taugen in der Tat dazu, uns wackeren volkskirchlichen Lutheranern die Schamröte auf die Wangen zu treiben. Bei denen fängt ein guter Kirchenbesuch nicht bei 50 Leuten an sondern bei 5000.

Und dann erst das Geld.

Ein Traum für alle Kirchenpfleger: links oder rechts oben im Bild, sieht man während des Gottesdienstes im Fernsehen einen rechteckigen Kasten, eine Art Zählwerk, und dieses Zählwerk das rattert, wie mein Stromzähler wenn meine halbwüchsigen Söhne eine Hausparty schmeißen.

Kein Klingelbeutel der Welt könnte die Summen aufnehmen, die da hereinkommen. Am Ende eines Gottesdienstes stehen manchmal Zahlen in dem Kasten, von denen eine Kirchengemeinde hierzulande ziemlich lang und gut leben könnte.

Ich habe das alles im Fernsehen mal angeschaut, habe so was ähnliches im Kirchentag sogar auch einmal live miterlebt, habe dort gesehen, wie ein Prediger es geschafft hat, Leute dazu zu bringen, den Inhalt ihres Geldbeutels unbesehen in den herumgehenden Spendenkorb zu werfen.

Ich sah es und fragte mich: "Was machst du falsch, oh Pfarrer Alex Bauer?"

Viele Berater gibt es, auch im Bereich der Kirche, die einiges aufzählen, was man an unserer "Performance", so nennen sie das, also am Erscheinungsbild unserer braven alten Volkskirche verbessern müsste, damit es bei uns auch mal so rauscht im Klingelbeutel, wie beim Fernsehprediger in Amerika.

"Wir müssten uns besser verkaufen!" sagen sie, unser Produkt, also das Evangelium besser platzieren, damit wir uns durchsetzen können auf dem Markt der Religionen.

Die Politik macht es uns vor, gerade jetzt in den Zeiten des Wahlkampfes, da kommen sie wieder heraus aus ihren Parlamenten und überreichen Schecks und Wahlversprechen, und lächeln gewinnend in die Kameras und schütteln abertausende von Händen.

"Ihr müsst einfach moderner werden!" sagen die Berater, "Die Kirche muss attraktiver werden für ein breiteres Publikum. Ihr müsst lernen, die Leute zu fesseln mit einer guten Show und spannenden Geschichten."

Nun so war ich also nahe daran, diesen Gottesdienst heute vorzubereiten ganz im Sinne dieser modernen Propheten; ich dachte an eine große Bigband und ein Feuerwerk am Schluss, statt Klingelbeutel einen Kreditkartenleser und Fernsehwerbung bei Schrott 1 zur Primetime. Und ein griffiges Leitmotiv, etwa so:

"Die sieben Todsünden, eine Live-Stunt-Show mit Reverend Lex Farmer."

Und siehe, ich schlug die Bibel auf und las, was da im Evangelium des Matthäus geschrieben steht, zu predigen an diesem Sonntag (Matthäus 6, 1-4):

1 Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,

4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

"Gib acht auf das was du tust. Schieß nicht über das Ziel hinaus. Produziere dich nicht mit deinem Glauben in der Öffentlichkeit. Und prahle nicht vor den anderen, mit dem was du Gutes tust und dem was du zu geben bereit bist."

Das sagt Jesus in der Bergpredigt. Und es ist wie so vieles, was in der Bergpredigt gesagt wird, ein Stein des Anstoßes für uns.

Das ist eine ganz andere Frömmigkeit, als in der Fernsehshow, nicht wahr?

Das, was Jesus da anmahnt, das würde bei den Beraterfirmen glatt durchfallen, denn es ist gar nicht bunt, und gar nicht werbewirksam, so gar nicht passend in diese glitzernde Medienwelt, in der wir uns als Kirche angeblich zu behaupten haben.

Ganz bescheiden, ja fast versteckt, sollen wir unseren Glauben leben. Ein ganz anderes Modell des Glaubens, entwirft Jesus da. Ein Gegenmodell. Und das gilt nicht nur für unsere modernen Zeiten, nein, das war schon damals so, als Jesus diese Worte zu einer Menschenmenge auf einem Berg am See Genezareth gesprochen hat.

Es gab damals auch schon eine Gruppe von Leuten, die von sich sagten, sie seien die fromme Elite, sie wären diejenigen, die "ernst machten" mit dem Glauben.

"Gottes Gesetze sollen die einzige Richtschnur, die einzige Orientierung in unserem Leben sein," sagten sie, "und die anderen Leute sollen das auch sehen."

Und so sah man sie nicht selten auf dem Marktplatz stehen, die Hände erhoben zum Gebet, und im Tempel bei der Almosenkasse, da zogen sie öffentlichkeitswirksam die schweren Silberlinge aus der Tasche. "Tue Gutes und rede darüber", das war ihr Motto.

"Was ist eigentlich so schlimm daran?" möchte man Jesus fragen, "Was ist so schlimm daran, wenn man den Glauben öffentlich zeigt? Ist das nicht die Hauptkrankheit der Christen, dass sie sich ihres Glaubens schämen und nicht offen darüber reden wollen? Über jede Hämorrhoide in seinem Darm redet der moderne Christenmensch mehr, als über seinen Glauben."

Warum sollen wir eigentlich nicht auch auf die Straßen gehen, uns in den Medien zeigen, Werbung machen, missionieren, zeigen was das für wunderbare Botschaft ist, das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus? Warum nicht?

Vielleicht weil man dadurch schnell oberflächlich wird und so ein selbstgefälliges und oberflächliches Gehabe dem Geist des Evangeliums selbst widerspricht?

Nehmen wir einmal das Thema der Spenden und der Almosen.

Ich war damals an jenem Kirchentag sehr entsetzt darüber, dass ein evangelischer Pfarrer sich zu so einer Aktion hergegeben hat. "Leert eure Geldbeutel, zeigt den anderen, was ihr macht und schaut nicht darauf, was ihr gebt."

Das ist ein Evangelium exklusiv für all jene, die es sich leisten können, ihren Geldbeutel unbesehen zu leeren, weil sie wissen, am nächsten Tag ist er ohne Mühe wieder voll.

Kennen sie die Geschichte vom Scherflein der armen Witwe, die voller Scham ihren Pfennig in den Opferkasten gelegt hat, und dieses Opfer doch größer war, als die Silberstücke des eitlen Prahlhanses, der vor ihr zum Spenden gegangen war?

Es geht nicht darum, dass wir nicht mit anderen Menschen über unseren Glauben sprechen sollen. So eine Forderung würde Jesus niemals aussprechen.

Es geht ihm um etwas anderes. Um Eitelkeit und um Heuchelei, genau darum geht es Jesus in unserem Predigttext. Eitelkeit und Heuchelei, das sind die großen Gefahren, in die auch ein fester gutgemeinter Glaube geraten kann.

Unser Glaube und die guten Werke, die Gott sei Dank immer wieder aus ihm erwachsen, sind nämlich empfindliche Gewächse. Wenn man nicht Acht gibt, werden sie schnell faul und stinken. Sie riechen nach Selbstgefälligkeit und Eitelkeit.

"Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese ... " so betet der fromme Pharisäer im Licht des Tempels, im Angesicht der Sünder, die hinten beschämt im Schatten stehen.

Und jeder Euro, den wir für einen guten Zweck geben, trägt diesen Keim der Selbsterlösung in sich. Dieses Opium, das unser Gewissen beruhigt, wenn wir Gutes Tun und die Gottesdienste besuchen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass dann vielleicht noch weniger Leute in die Kirche kommen, sage ich nun: Darauf kommt es in der Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen eben gerade nicht an. Dass man nämlich eine Latte von Geboten und Gesetzen einhält, ein bestimmtes Spendenvolumen hat, jeden Sonntag in die Kirche geht und möglichst mit diesem christlichen Lifestyle auch noch von allen gesehen wird. Darauf kommt es nicht an.

Das genau ist doch das Evangelium, dass es darauf eben nicht ankommt.

Die Liebe Gottes, seine Gnade, seine göttliche Geduld, uns immer wieder von unseren Holzwegen und sündhaften Verstrickungen zu befreien, die Liebe Gottes zu jedem Einzelnen von uns, die können wir uns nicht erkaufen, weder durch Geld, noch durch fromme Werke, noch durch eine Riesenshow.

Gott beurteilt uns nicht nach unserem Spendenaufkommen und am Himmelstor steht auch keiner da, der unsere Konfirmandengottesdienstpässe überprüft. Und wenn es so wäre, dann wollte ich nicht dort hinein.

Denn das ist doch das Besondere an unserem Glauben. Gott liebt auch den, der nicht groß rauskommt, der Pleite gemacht hat in seinem Leben, der von Anfechtungen und Zweifeln geplagt wird. Und manchmal denke ich, dass Gott diese Leute sogar besonders lieb hat und ihnen nachgeht, so wie der gute Hirte das eine verlorene Schaf suchen geht.

"Die Kranken brauchen einen Arzt, nicht die Gesunden" hat Jesus gesagt.

Vielleicht ist dies der Grund, warum er uns in unserem Predigttext zu solcher Bescheidenheit ermahnt.

Wenn wir uns gesund fühlen, und damit ist eben auch die geistliche Gesundheit gemeint, wenn wir uns also in unserem Glauben und in unserer Kirche zuhause fühlen, wenn wir verschont werden von Zweifel und Anfechtung, wenn der Glaube unser Leben erfüllt und wunderbar begleitet, dann sollen wir Gott danken, aber damit nicht prahlen, denn all das ist ein großes Geschenk und nicht unser Verdienst.

Und wenn wir Geld geben oder sonst Gutes tun, dann sollen wir den guten Zweck im Herzen haben und nicht das Lob, das wir von den anderen dafür erhalten. Und wissen sie was? Das ist ein großes Evangelium auch für mich.

Denn ich muss nicht der großmächtige glitzernde „Reverend Lex Farmer“ sein, ich muss auch nicht immer der fröhliche Gaudibursch sein, der niemals traurig ist oder in Anfechtungen gerät, nein ich darf einfach der Alex Bauer sein, der in diesem wunderbaren Beruf so vielen lieben Menschen begegnet in einer Gemeinschaft, in der wir vor unserem Gott keine Show abziehen müssen und ihm überhaupt nichts beweisen müssen, sondern alle um Jesu Christi Willen angenommen sind - mit unseren Stärken, aber auch mit unseren Schwächen. Was für ein Evangelium, was für eine frohe Botschaft!

Amen